The Future of Tolerance

Ich höre in letzter Zeit viele Podcasts von Sam Harris, schon allein, weil er ein verflucht guter Redner ist und ich stimme ihm in vielen Dingen zu. So stimme ich auch der Einschätzung zu, dass es unehrlich ist, Islamischen Terrorismus von der Religion losgelöst zu betrachten. Über ISIS zu sprechen und zu behaupten, eine Gruppe, welche alles aus heiligen Schriften ableitet, von dieser Religon zu trennen ist absurd. Aber warum sind wir überhaupt an diesem Punkt? Warum akzeptieren wir diesen Schritt?
Ich glaube, dass dies in weiten Teilen eine Folge des westlichen Verständnisses von Religionsfreiheit ist und es höchste Zeit wird, dies zu überwinden. Denn dieses Verständnis, Islamischer Terrorismus hätte nichts mit dem Islam zu tun, genau so, wie all die verbrechen, welche im Namen des Christentums nichts mit der Religion zu tun hätten, rühren von unserer religiösen Toleranz her.

Damit habe ich zwei Probleme:

  1. Religionsfreiheit und die Toleranz gegenüber Religionen mag in der Zeit der Aufklärung ein großer Schritt gewesen sein, aber langfristig ist diese Idee Gift. Alle Religionen sind Quatsch und Menschen können wunderbar auch ohne Religion leben, dass religion ein besonderer Schutz angedeihen soll, mag in Zeiten einer allgegenwärtigen Religion und religiöser Führer in Europa ein Fortschritt gewesen sein. Diesen Standpunkt als weitgehend säkulare Gesellschaft weiter aufrecht zuhalten, ist nicht nur an sich unlogisch, es führt zu vielen widersprüchlichen Positionen. So gibt es in unserer pluralistischen Gesellschaft viele sich widersprechende Religionen und doch scheint es Konsensfähig zu sein, dass es innerhalb dieser Religonen eine richtige und eine falsche Auslegung gibt. So ist die Auslegung des Christentums richtig, wenn sie von Papst, evangelischer Landessynode oder ähnlichen Einrichtungen geteilt wird und offensichtlich falsch, wenn damit Gewalt in der Ehe, gegenüber den eigenen Kindern, Homosexuellen oder Andersgläubigen begründet wird. Wohlgemerkt lässt sich alles, genau wie vermutlich jede politische Postion, mit Bibelzitaten belegen, je nach aktuellem Bedarf mal wörtlich und mal im übertragenen Sinne. Das kann doch nicht sein! Entweder wir sehen Religion als gerechtfertigt an, dann müssen wir aber auch jeden Käse, den irgendjemand sich aus seinen Heiligen Schriften pflückt akzeptieren oder aber, wir überkommen den Stand des 17. Jahrhunderts und einigen uns endlich mal darauf, dass Menschen glauben können, was sie wollen, es aber keinerlei Anspruch darauf gibt, dass wir als Gesellschaft dies ernst nehmen oder besonders beachten.

  2. Es bedarf außerdem einer Diskussion, ob Toleranz überhaupt ein hilfreiches Konzept ist. Ich zitiere aus Wikipedia:
    "Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff („Duldung“) hinausgeht." Demnach hat sich die Bedeutung dieses Begriffs zwar schon weg von Duldung bewegt, aber dennoch glaube ich, dass es Hilfreich wäre, sich darüber klar zu werden, was das eigentliche Ziel ist, denn im Bereich von Religion mag Duldung genau das sein, was mir in den Sinn kommt, dulden im Sinne von ertragen, obwohl man die feste Überzeugung hat, dass es falsch ist. Aber ich möchte nicht, dass die Zukunft unseres zusammen Lebens in einer zwangsläufig immer heterogener werdenden Gesellschaft aus einem ertragen besteht.

Daneben ist mein eigentliches Problem mit Sam Harris, dass ich wirklich nicht glaube, dass für uns in der westlichen Welt der islamische Terrorismus gerade unser größtes und dringendstes Problem ist.